Jules Vernes Yacht

Knallrot, komplett aus Eisen, geschraubtes Deck

Andrew Baldwin ist eigentlich Schmied, doch irgendwann beschließt er, die künstlerische Seite in sich auszuleben, stellt Skulpturen aus Eisen her, bestreitet so seinen Lebensunterhalt.
Ich sehe Andrew das erste Mal am Steg von Dartmouth, aber nur, weil mein Blick sich nicht von seinem Boot lösen kann, der Scary Mary 2. Acht Meter Eisen, geformt zu einem Yachtrumpf, ein frei stehender Mast der mit seinen Verstrebungen an einen Strommast erinnert.

Barfuß bei 15 Grad – very british

Das ganze Boot hat Andrew mit seinen eigenen Händen gebaut. Alles, vom Kiel bis zum Verklicker. Und das Beste daran: Andrew hat keine Ahnung vom Bootsbau, wenig Durchblick beim Segeln, das hat ihn aber nicht davon abgehalten, mit der Scary Mary 1 bis nach Island zu segeln um das Boot dort dann direkt auf den Strand zu setzen.

Es geht alles aber alles gut, Andrew bringt sein Boot an Land und hat schon den nächsten Plan in der Tasche. Er will Island einmal auf dem Landweg umrunden, mit einem selbstgebauten Trailer, nur mit Muskelkraft betrieben. Wieder so eine durch und durch britische Herangehensweise, die die isländischen Behördenvertreter eher irritiert. Nach gerade mal 10 Kilometern wird das Vorhaben gestoppt und Andrew kurzzeitig verhaftet.

Schiff mit Muskelantrieb

Wir kommen ins Gespräch, schnell ist klar, Andrew ist Brite durch und durch. Extrem freundlich und zuvorkommend, und im besten Sinne des Wortes auch ein bisschen spleenig.

Sportliche Kabinenausstattung

Die Scary Mary 1 hatte offenbar einige segeltechnische Schwachpunkte, also wird jetzt die Scary Mary 2 gebaut. Vier Jahre braucht Andrew, bis er das Boot zu Wasser lassen kann, gaffelgetakelt mit Segeleinzelanfertigungen, das Groß für 2000, die Genua für 350 Euro.
Abends bei einem (zwei,drei) Ale erzählt er mir, das er diesmal nach Grönland will. Andrew kommt aus Sandwich in der Nähe von Dover, hat genau wie wir gefühlte Ewigkeiten für seinen Weg nach Westen gebraucht. Seit Wochen studiert er die Winde auf dem Atlantik um dann das richtige Wetterfenster für seine Passage zu erkennen und zu nutzen.
Wir reden über die unruhigen Zeiten, in denen wir Leben, über den Brexit. Ein Besuch an Bord seines Bootes gibt neue Einblicke. Die Scray Mary 2 ist mit allem ausgestattet, was ein Boot für Langfahrt braucht, die gesamte Windsteueranlage hat Andrew selbst konzipiert und gebaut. Und sie funktioniert.

Komfort findet man unter Deck allerdings nicht, alles ist sehr spartanisch, Stehhöhe gibt es nicht, hier fühlt sich langfristig nur jemand wohl, der ein Einsiedlerdasein gewohnt ist.
Aber weltfremd ist der Mann, der das alles gebaut hat, nicht. Sondern sehr freundlich, dem Leben zugewandt und mit einem sehr warmen Blick für das Wesentliche.
Pass auf dich auf Andrew, take care und gute Fahrt!

Enspurt – vor dem Törn ist nach dem Einräumen

Was haben eine Ankerkette und ein Schnürsenkel gemeinsam? Ganz, einfach; die Wichtigkeit der Länge. Die muss passen, sonst geht der Schuh nicht zu.

Für unser Boot habe ich 50 Meter Ankerkette bestellt, bis ca. 10  Meter Wassertiefe ist man damit ganz gut aufgestellt und mehr passt auch nicht in den Ankerkasten. Und was wurde geliefert? Sagen wir mal so, ich war erstmal einigermaßen sprachlos. Dann habe ich versucht, den Kettenlieferant zu kontaktieren, ohne Erfolg. Aber immerhin, ich habe ja ein 14-Tägiges Rückgaberecht. Das ganze Kettendrama in der 10. Episode von “Die Bootschaft”, quasi Jubiläumsausgabe.

Es schwimmt – die Bootsübergabe

Gebrauchtwagenkauf nix dagegen

Es ist wohl der Tag, an den sich jeder Bootsbesitzer sehr gut zurückerinnern kann. Der Tag, an dem man sein erstes Boot übergeben bekommt. Für uns war es am Osterwochenende soweit. Um vier Uhr morgens packten wir Beiboot, Werkzeug, Seile, Küchenutensilien ein und fuhren Richtung Fehmarn, wo um 10 Uhr das Einkranen der Crusader eingetaktet war. Um 9:35, nach gefühlten 250 Kilometern Autobahnbaustelle,  fuhren wir dann auf den Hof des Winterlagers, konnten gerade noch einen Blick auf den Mast werfen, den wir im Winter nicht zu sehen bekommen hatten, da wurde das Boot auch schon mit einem Trecker Richtung Hafen gezogen.

Auch hier ging alles fix und professionell, schnell noch die Stellen nachgepinselt, wo der neue Antifouling-Anstrich wegen der Bootsbockauflagen noch fehlte, und schon konnten wir uns von der Schwimmfähigkeit unserer Neuerwerbung überzeugen.

Der Vorbesitzer stellte dann noch gemeinsam mit uns den Mast, die Segel wurden angeschlagen und dann ging es schon raus auf den Fehmarnsund zu einem Probeschlag. eine schwache Drei zeigte uns eines; die Beneteau First 30 holt aus wenig Wind alles raus, lässt sich über die Pinne sehr direkt und akkurat steuern, alles funktionierte auf Anhieb: Motor, Besegelung, Heizung, Kühlschrank, Funkgerät.

So konnten wir uns schnell von der vorsichtigen Haltung verabschieden, die ein Gebrauchtbootkauf erst mal mit sich bringt, wir hatten offenbar von Anfang an das richtige Bauchgefühl gehabt, waren uns von Anfang an eigentlich sicher, dass die Crusader das Richtige für uns ist.

Mal sehen, was wir in zwei Monaten darüber denken